Der Tod in Venedig (Teil 4)
Spaziergänger gewesen. Beim Aumeister, wohin stillere und stillere
Wege ihn geführt, hatte Aschenbach eine kleine Weile den volkstümlich
belebten Wirtsgarten überblickt, an dessen Rande einige Droschken und
Equipagen hielten, hatte von dort bei sinkender Sonne seinen Heimweg
außerhalb des Parks über die offene Flur genommen und erwartete, da er
sich müde fühlte und über Föhring Gewitter drohte, am Nördlichen
Friedhof die Tram, die ihn in gerader Linie zur Stadt zurückbringen
Der Tod in Venedig (Teil 37)
charakteristisch fruchtbar zu sein.
Da er also die Aufgaben, mit denen sein Talent ihn belud, auf zarten
Schultern tragen und weit gehen wollte, so bedurfte er höchlich der
Zucht,--und Zucht war ja zum Glücke sein eingeborenes Erbteil von
väterlicher Seite. Mit vierzig, mit fünfzig Jahren wie schon in einem
Alter, wo andere verschwenden, schwärmen, die Ausführung großer Pläne
getrost verschieben, begann er seinen Tag beizeiten mit Stürzen
Der Tod in Venedig (Teil 42)
Werk; und was Wunder also, wenn es auch der sittliche Charakter, die
äußere Gebärde seiner eigentümlichsten Figuren war?
Über den neuen, in mannigfach individuellen Erscheinungen
wiederkehrenden Heldentyp, den dieser Schriftsteller bevorzugte, hatte
schon frühzeitig ein kluger Zergliederer geschrieben: daß er die
Konzeption »einer intellektuellen und jünglinghaften Männlichkeit«
sei, »die in stolzer Scham die Zähne aufeinanderbeißt und ruhig
Der Tod in Venedig (Teil 72)
drohten, über das Geländer gebeugt, zungengeläufige Spottreden nach.
Einer, in hellgelbem, übermodisch geschnittenem Sommeranzug, roter
Krawatte und kühn aufgebogenem Panama, tat sich mit krähender Stimme
an Aufgeräumtheit vor allen andern hervor. Kaum aber hatte Aschenbach
ihn genauer ins Auge gefaßt, als er mit einer Art von Entsetzen
erkannte, daß der Jüngling falsch war. Er war alt, man konnte nicht
zweifeln. Runzeln umgaben ihm Augen und Mund. Das matte Karmesin der
Der Tod in Venedig (Teil 89)
So sieht er sich minutenlang außerstande, den Zudringlichkeiten des
schauderhaften Alten zu entkommen, den die Trunkenheit dunkel
antreibt, dem Fremden Abschiedshonneurs zu machen. »Wir wünschen den
glücklichsten Aufenthalt«, meckert er unter Kratzfüßen. »Man empfiehlt
sich geneigter Erinnerung! Au revoir, excusez und bon jour, Euer
Exzellenz!« Sein Mund wässert, er drückt die Augen ein, er leckt die
Mundwinkel, und die gefärbte Bartfliege an seiner Greisenlippe sträubt
— und 11 weitere Textstellen im Training.